Seiten durchsuchen

11.04.2013 (19:00), Thema des Tages:

Sekt statt Selters – Boulevard statt Politik!?

Von Thomas Kletschke

Warum ist Boulevard attraktiver als die aktuelle Tagespolitik? Das menschliche Gehirn liebt Klatsch und Tratsch: Es speichert nach einer Studie britischer Wissenschaftler Klatsch besser als Informationen. Beim PresseClubforum diskutierte Ruthart Tresselt mit Ulrike Schmidt, Gesellschaftsreporterin bei der tz, und ihren beiden Kollegen Michael Graeter, Kolumnist der AZ und Philipp Crone von der Süddeutschen Zeitung. Sie verrieten, wo sie die Grenzen zwischen Anstand und Sensation ziehen, und nach welchen Spielregeln Klatschreporter arbeiten.

Philipp Crone, Ulrike Schmidt, Ruthart Tresselt, Michael Graeter

Champagner gab das Budget nicht her. Aber mit fränkischem Sekt und nicht mit dem sonst bei vielen Diskussionsrunden üblichen Selters, wurde auf dem Podium die Diskussion angestoßen. PresseClub-Vorstand Ruthart Tresselt leitete das Gespräch um Klatsch und Tratsch dem Thema angemessen ein: „Wir trinken auf Euch. Auf uns alle.“ Michael Graeter, dem Altmeister von der Münchner Abendzeitung ließ sich so entlocken, welchen Schaumwein er bevorzugt. Dom Perignon natürlich. „Der geht am besten runter“, klärte der Society-Experte auf. Gleichwohl, so schränkte er ein, gebe es in der Gesellschaft auch einen Trend zur Neuen Sachlichkeit: Aldi – und damit auch dessen perlende Produkte – sind längst bei den Millionären am Tegernsee angekommen.

Zu ihrem Selbstverständnis befragt, gaben die drei Panorama-Autoren bereitwillig Auskunft. Michael Graeter – inzwischen selbst so prominent wie viele seiner journalistischen Beobachtungsobjekte – hatte eine einfache Erklärung, die seine Motivation und sein Themenspektrum charakterisiert - zur Hand. „Ich bin von Natur aus neugierig.“ Besonders die Unterschiede zwischen Mann und Frau interessierten ihn. Seine Kollegin Ulrike Schmidt hatte eine andere Beschreibung parat. „Ich bin praktisch die Unterhaltungsmusikerin bei der Zeitung.“ So wie es E- Musik und U-Musik gebe, sei ihr Ressort im Vergleich etwa zur Innenpolitik und anderen Teilen der Redaktion. Auch die Süddeutsche meidet den Boulevard nicht. Ihr Vertreter auf dem Podium, Philipp Crone, bekannte: „Wir sind ein Bauchladen. Wir bieten alles.“

Und die Bettgeschichten? – Während sich Schmidt und Graeter klar zum Boulevard bekannten, gab Crone an, dass die SZ immer versuche, stattdessen eine skurrile und besondere Note hereinzubringen. Wie auch immer: Sex sells. Aber gibt es neben der Ökonomie weitere Gründe, die Leserinnen und Leser gerne durchs Schlüsselloch schauen lassen? – „Sie haben es mit Bettgeschichten“, so Tresselt zu Michael Graeter. „Aber wenn das Starlet mit A oder B im Bett war, was ist daran so wichtig?“ Dem AZ-Mann fiel dazu direkt der Link zwischen Macht und Sex ein: „Oft wird Politik durch eine unscheinbare Frau verändert.“

Einig waren sich tz- Reporterin Ulrike Schmidt und ihre beiden Kollegen, dass es Themen gibt, die man nur behutsam angeht. „Wenn‘s unappetitlich wird, etwa wenn Kinder im Spiel sind, da ist man vorsichtiger“, sagte Schmidt. „Bloßstellen an sich ist nicht so unser Ding“, bekräftigte sie an anderer Stelle. Auch SZ-Mann Crone betonte, dass eher die lustige Drehe gesucht werde. Andererseits müsse man aber auch offenkundige Unterschiede zwischen der Selbst- und Außendarstellung eines Prominenten und seiner Wirkung auf Andere thematisieren, besonders, wenn jemand das Rampenlicht und die Öffentlichkeit suche. Darin stimmten alle Gesellschafts-Journalisten überein. Dass das mit mitunter akribischer Recherche verbunden sei, daran erinnerte Michael Graeter.

Wenig Freude haben die drei Society-Experten an einigen Trends, die die Arbeit auf dem Boulevard verändert haben. Seit einigen Jahren gab es einen Konsens zwischen Redaktionen, keine Exklusivfotos von Hochzeit, Taufe und Co. zu kaufen, die Adelige, TV-Stars und andere Promis inzwischen selbst für hohe Summen anbieten. Fünfstellige Beträge sollen keine Seltenheit sein, wenn die Berühmtheiten ihre Neugeborenen exklusiv in die Kamera halten. Michael Graeter wies die Schuld an diesem Phänomen Blogs und Onlinemedien zu: „In früheren Zeiten war man sich mit der Konkurrenz einig: Das drucken wir nicht.“ Warum solle man dem frisch vermählten Star eine große Summe überweisen? „Eine Hochzeit ist ja kein Tiefpunkt.“

Prominente, die in der Öffentlichkeit stehen, wollen fotografiert werden, ist Graeter überzeugt. Der Konkurrenz durch Leserreporter könne man nur mit einem eigenen Archiv begegnen und mit guten Kontakten. „Das Kapital ist die Kenntnis der Zusammenhänge“, fasste er zusammen.

Zu den Spielregeln gaben die drei Boulevard-Experten an, maßvoll berichten zu wollen. Für Philipp Crone etwa gibt es auch in der Öffentlichkeit zu respektierende Schutzräume. „Jemand der auf dem roten Teppich ist, den kann man so in einem Portrait beschreiben.“ Stünde er aber hinten in der Ecke alleine, müsse man dem Rechnung tragen. Auch Ulrike Schmidt verriet, dass man im persönlichen Gespräch vieles erfahre – aber längst nicht alles verwende. Ein plastisches Beispiel nannte Michael Graeter. Wenn er am Gericht den Aushang sehe, dass sich dort gerade ein Promi scheiden lasse, dann müsse er die Geschichte nicht zwangsläufig schreiben. Vielleicht habe derjenige gerade andere Schwierigkeiten. Man spreche ihn an, schreibe jetzt nicht über die Scheidung, aber mache mit ihm einen Deal, als erster über eine neue Liaison berichten zu können.

Vertrauen ist das wichtigste Kapital in dem Geschäft – zumindest auf lange Sicht. Das bestätigten alle drei Profis. Seit Promis vermehrt von Passanten via Handy „abgeschossen“ werden, sei das allgemeine Vertrauen in den Journalismus gesunken. „Die Stars werden immer vorsichtiger“, sagte etwa Ulrike Schmidt.

So richtig in die Pfanne wollen die Boulevard-Profis niemanden hauen – sonst werden sie sehr schnell auf Brot und Wasser gestellt. Statt Sekt fließt dann nämlich Selters. Anstatt mit exklusiven News vorne zu liegen, kommt man dann der Konkurrenz nicht mehr hinterher.

Zurück