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27.10.2011 (19:00), Thema des Tages:

Russland und Bayern: Wie gut vertragen sich Bär und Löwe?

 

Muss das kleine Bayern das mächtige Russland fürchten? Welche Chancen haben bayerische Unternehmer auf dem russischen Markt? Warum lieben die Russen das Oktoberfest? Wohin führt Russland unter Medwedjew und Putin in den nächsten Jahren? Darüber diskutierten beim PresseClub-Forum der russische Generalkonsul Andrey J. Grozov und der frühere SFB-Intendant Günther von Lojewski. Der stellvertretende Vorsitzende des Internationalen PresseClubs München, Peter Schmalz, moderierte.

Moderator Peter Schmalz brachte mit einem Zitat des russischen Dichters Fedor Tutschew die Diskussion ins Rollen. „Verstehen kann man Russland nicht, auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land“, hatte Tutschew einst über sein Heimatland geschrieben. Tutschew war quasi ein historischer Kollege des jetzigen Generalkonsuls der Russischen Föderation. Denn Dichter Tutschew hatte einst an der damaligen russischen Gesandtschaft am Karolinengarten gearbeitet. „Wann haben Sie als erstes von Bayern gehört?“ wollte Schmalz von Andrey J. Grozov wissen. Der Diplomat lernte schon im Studium das Land kennen, wenn auch vorerst aus der Ferne. „Ich habe Völkerrecht und ein wenig Germanistik studiert. Auch damals haben wir schon von Bayerns Bier und dem Oktoberfest gehört“, sagte Grozov. Seit 2009 leitet Grozov nun die Vertretung Russlands in der bayerischen Landeshauptstadt. Und neben verstärktem Kulturaustausch ist ihm vor allem am Ausbau der bayerisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen gelegen. Wie Peter Schmalz recherchiert hatte, betrugen die Einfuhren aus nach Bayern im letzten Jahr etwa 4,4 Mrd. Euro. Umgekehrt exportierten bayerische Unternehmen im Jahr 2010 Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,8 Mrd. Euro. Auf beiden Seiten der Bilanz wurden jeweils hohe zweistellige prozentuale Zusatzraten erreicht. Generalkonsul Grozov ermunterte die bayerischen Unternehmen, verstärkt auch in Russland zu investieren. Besonders in den Provinzen gebe es viele gut erschlossene Gebiete, an denen sich die Ansiedlung von Fabriken lohne. „Es gibt noch viel zu tun“, so Grozov. Besonders im Bereich der Landwirtschaft könnte er sich für beide Seiten lohnende Investments vorstellen – hierbei denke er etwa an den Import bayerischer Landwirtschafts-Technologie. Und die aktuellen deutschen und bayerischen Pläne zum Ausbau regenerativer Energien könnten in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ebenfalls eine große Rolle spielen, so Grozov weiter. Deutsche Partner könnten vor allem russische Hi-Tech-Produkte interessieren. Neben Satellitentechnik und Transportindustrie sei vor allem die IT-Wirtschaft Russlands führend. „Unsere Programmierer“ sind die besten der Welt“, zeigte sich Andrey Grozov überzeugt. Bisher seien fast 2000 bayerische Unternehmen in Russland tätig – umgekehrt seien nur 60 russische Firmen hierzulande aktiv.

Auch Journalist Günther von Lojewski kennt sich im bilateralen Verhältnis gut aus. Schließlich arbeitet er seit fast 15 Jahren in der deutsch-russischen Journalistenausbildung, reist oft nach Russland und ist Ehrenprofessor der Moskauer Lomonossow-Universität. „Gibt es bei der russischen Wirtschaftspolitik eine neue, bestimmte Strategie?“, fragte er Grozov auf dem Podium. Für den Gesandten gebe es eine Orientierung nach allen Richtungen, „das verlangt schon die geografische Lage“, sagte Grozov. Allerdings suche Russland eine verstärke Zusammenarbeit in Eurasien. Selbstverständlich gehöre auch der Ausbau etwa der chinesisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen dazu. In Punkto bayerisch-russische Wirtschaftserfahrungen gebe es auch weniger gute Beispiele, wandte von Lojewski ein. „BMW hat sich in Kaliningrad angesiedelt. Aus dem Unternehmen hört man, man sei nicht mehr glücklich darüber“, so von Lojewski. Ursprünglich hätte man neben einer Produktion dort auch eine Teststrecke bauen wollen, die dann aber doch nicht genehmigt worden sei. Nun müssten Vorprodukte nach Kaliningrad gebracht werden; nach dem Zusammenbau in Deutschland müsse auf deutschen Strecken getestet werden, um dann die fertigen Autos zurück nach Russland zu bringen. Grozov entgegnete, die Sonderwirtschaftszone habe eine gute Infrastruktur. „BMW will dort seine Präsenz ausbauen und gerne mehr investieren“, sagte der russische Diplomat.

Von Lojewski wollte wissen, inwieweit es auf dem Feld der Politik Fortschritte gegeben habe: „Hat Russland unter Präsident Medwedjew Fortschritte erzielen können?“ Für Grozov eine klare Sache. „Aber gewiss“, sagte er. Was Modernisierung der Wirtschaft, Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit betreffe habe es Fortschritte gegeben. „Wir sagen nicht, dass wir keine Probleme haben. Aber in den letzten Jahren hat unser Präsident viel für die Zivilgesellschaft getan“, meinte er. Er gestand aber zu, dass Russland seine Zeit brauche, um Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung weiterzubringen.

In Punkto Pressefreiheit waren die Urteile der Diskutierenden vielleicht am weitesten voneinander entfernt. Für Zeitungen und elektronische Medien gebe es keine Presse-Unfreiheit, wie von hiesigen Medien gerne dargestellt, so Grozov. „Es gibt eine breite Palette der Meinungen“, sagte Andrey Grozov. Günther von Lojewski gestand das den Zeitungen in Russland zu, wandte aber ein, dass das Leitmedium das Fernsehen sei. „Da gibt es viele staatliche oder staatsnahe Kanäle“, so der ehemalige SFB-Intendant. Grozov betonte, dass es neben den großen Sendern auch viele kleine, unabhängige Stationen gebe, die im Ausland aber kaum wahrgenommen würden.

Große Einigkeit bestand auf dem Podium, dass es keine gegenseitigen Ängste mehr gebe oder geben sollte. Gleichwohl müsse am beiderseitigen Verständnis und dem Austausch weiter gearbeitet werden. Dies müsse sich durch die Bereiche Wirtschaft und Politik ebenso ziehen, wie etwa den kulturellen Austausch oder verstärkten Austausch von Studenten aus beiden Staaten. Auf der Verstandesebene kann man Russland also weiter kennenlernen – und es hat dennoch sein eigenes Gesicht. So, wie auch Bayern.

Video: Diskussion

Video: Prof. Dr. Günther von Lojewski

Video: Generalkonsul Andrej J. Grozov

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