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10.10.2011 (19:00), Thema des Tages:

Regionalkrimis - Wiederkehr des Heimatromans oder ästhetische Landplage?

Von Thomas Kletschke

Regionalkrimis boomen: Die Auflagen schnellen in die Höhe und nicht nur die Kluftinger-Romane behaupten sich wochenlang erfolgreich in den Bestsellerlisten. Seit „Regio“ eine deutsche Erfolgsformel geworden ist, drängen jede Menge Autoren auf den Markt. Was macht die Faszination der Regionalkrimis aus? Handelt es sich um eine kurzlebige Mode oder wird sich das neue Genre dauerhaft auf dem Literaturmarkt etablieren? Welche Rolle spielen Synergien mit den lokalen Tourismusbehörden und Produktmanagements? Und wird der Regionalkrimi – über den Tatort hinaus – im TV zum dauerhaften Format?
Auf dem Podium im PresseclubForum diskutierten Monika Dobler von der Münchner Krimibuchhandlung Glatteis, Angelika Mehnert-Nuscheler, Pressesprecherin Tourismusverband München-Oberbayern, Marc Ritter, Autor, des soeben erschienen Krimis „Josefibichl“, und Dr. Elisabeth Tworek, Leiterin des Literaturarchivs der Stadt München Monacensia. Dr. Carolin Raffelsbauer, Herausgeberin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ moderierte die Diskussion.

Schnell wurde klar, dass dem Regionalkrimi vom Podium allgemein nicht die Weihen der „großen“ Literatur zugesprochen wurden. Allerdings wurde ihm von den Diskutierenden weder das Todesurteil ausgesprochen, noch die ewige Verdammnis. So hatte Buchhändlerin Monika Dobler eine griffige Definition aus ihrem Alltag in der Krimi-Buchhandlung parat. „Regionalkrimi ist für mich: viel Heimat, ein bisschen Liebe – und wenig Krimi“, lautete ihr Formel. Zumindest wenn man das Gros der Bücher genau lese, treffe dies zu. Und auch das Publikum, das die Kluftingers und Co. kaufe, unterscheide sich von den herkömmlichen Krimi-Käuferinnen und -käufern. Und manches, was von den Verlagen als Regionalkrimi angeboten werde, sei doch eher Krimi oder Thriller. So seien etwa die Bücher der Eifel-Reihe von Jacques Berndorf für sie keine Regionalkrimis. Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Tworek grenzte den Regionalkrimi vom Heimatroman ab. Das Dorfgenre sei im 19. Jahrhundert in Mode gekommen; der Heimatroman wurde als Reaktion auf die als bedrohlich empfundene Verstädterung geschaffen. Und später zum Heftroman trivialisiert, so Tworek. „Im Unterschied dazu braucht der Krimi immer einen Mörder oder Psychopathen, der in die Idylle eindringt“, sagte die Monacensia-Leiterin.

Etwas tumb – der Kommissar im Bayern-Krimi

Krimi-Buchhändlerin Dobler brachte eine spezifisch bayerische Variante ins Spiel. So würden die Kommissare der meisten im Freistaat beheimateten Krimis tendenziell nicht nur als schrullig, sondern auch als ungeschickt oder tumb dargestellt. Kein Wunder, dass sich etwa die Autoren Michael Kobr und Volker Klüpfel, die den Kommissar Kluftinger erschaffen haben, gegen die Bezeichnung Regionalkrimi wehren. Moderatorin Carolin Raffelsbauer fragte ins Podium, was die Kluftinger-Fälle denn seien. Konsens: Regionalkrimi in Reinform. Buchhändlerin Dobler sagte, diese Zuweisung würden die Kunden von alleine vornehmen. Und: „Die wollen entweder einen Regionalkrimi oder einen richtigen Krimi. Kobr und Klüpfel können sich wehren wie sie wollen, aber die Leser halten die Kluftinger-Romane dafür.“

Der ideale Zeitpunkt, den anwesenden Autor zu verhören. „Haben Sie einen Regionalkrimi geschrieben?“, wollte Literatur-Journalistin Carolin Raffelsbauer von Marc Ritter wissen. Keine Frag, auch Ritter plädierte auf unschuldig im Sinne der Anklage. Nein, er habe keinen Regionalkrimi geschrieben. Schon den Begriff „Krimi“ fand er nicht glücklich, sei er doch eine verniedlichende Verkürzung für „Kriminalroman“. Und genau das steht auf dem Cover seines gerade erschienen Buchs „Josefibichl“. „Das ist kein Regionalkrimi. Ich persifliere ein wenig in dem Buch. Eine Amazon-Rezension brachte es so auf den Punkt: satirischer Krimi“, beschrieb Ritter seinen Roman, dessen Fortsetzungen schon in der Pipeline sind. Der Umschlag des in Garmisch-Partenkirchen spielenden Buchs rund um Korruption, Olympiabewerbung und einen Journalisten als Protagonisten komme zwar mit einer Lederhose und in Frakturschrift daher, so Schriftsteller Ritter. Aber, das sei eben auch wichtig als Verkaufsargument für einen Roman-Erstling. Marc Ritter führte, ganz Ermittler, noch ein plausibles Indiz an, wieso so viele Krimis in einem regional eingegrenzten Setting spielen. „Wenn ich einen Roman schreibe, nehme ich doch am besten die Gegend, die ich kenne“, so Ritter. Zeit ist eben Geld, auch wenn es um Mord und Totschlag geht.

Krimis aus der Asservatenkammer der Monacensia

Das Business Regionalkrimi wirkt auch auf die Realität zurück – und in die Hyper-Realität. So stellte Angelika Mehnert-Nuscheler vom Tourismusverband München-Oberbayern die neue Website www.oberbayern-krimis.de vor, die auf einer interaktiven Karte der Region bisher 74 Titel von 13 Verlagen anzeigt. Regionalkrimis jeder Art, die in Oberbayern angesiedelt sind, werden auf der Internetseite angezeigt. „Das ist für uns ein neues Instrument, um Neukunden zu gewinnen und das Interesse auch bei Einheimischen zu wecken.“ Carolin Raffelsbauer wollte von Mehnert-Nuscheler wissen, ob sie sich auch vorstellen könne, dass Städte oder Regionen Krimis quasi als Tourismus- oder Wirtschaftsförderung in Auftrag geben könnten. Für die Touristik-Expertin ist dies sehr wohl denkbar. Genau wie Autor Ritter ist sie der Meinung, dies müsse deswegen nicht schlecht sein. Marc Ritter ergänzte, dass es etwa in Garmisch einen solchen Drehbuchwettbewerb gebe, an dem er teilnehme. Nur wenn der Auftraggeber reinredigieren wolle, sei so etwas problematisch. Ritter verglich das mit den Pressereisen für Journalisten, die an sich auch nicht verwerflich seien, solange die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt bleibe.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer, dass der Regionalkrimi als Genre noch lange nicht das Schicksal ereilt, das viele Romanfiguren ereilt, der qualvolle Tod nämlich. Im Gegenteil, der Boom halte an. Was davon Bestand haben wird, was in den Kanon der anerkannten Literatur übernommen wird, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Geadelt werden dann etwa Autoren und Werke, die in die Monacensia aufgenommen werden. Und auch die geht wie die Verlage und Touristiker neue Wege. Denn die Monacensia baut mit Partnern eine virtuelle Bibliothek auf. Leiterin Elisabeth Tworek verriet, einige der ersten Werke, die sie aus der Asservatenkammer der Bibliothek freigeben wird, werden in München spielende Kriminalromane sein.

Diskussion

Elisabeth Tworek

Marc Ritter

Angelika Mehnert-Nuscheler

Monika Dobler

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