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06.06.2011 (19:00), Thema des Tages:

PresseClubforum „Filmstadt München“ – Chancen für die Manufaktur

Von Thomas Kletschke

Zwei Ereignisse unterstreichen den Rang Münchens als Filmstadt: Das jährliche Filmfest und der Umzug der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in den repräsentativen Neubau im Pinakothekenviertel. Darüber diskutierten am 06. Juni auf dem Podium des PresseClubforums Andreas Ströhl, Chef des Münchner Filmfests, Hubert von Spreti, Leiter Film und Teleclub beim Bayerischen Rundfunk (BR), Prof. Manfred Heid, Vizepräsident der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) und Achim Zeilmann, Autor des Buchs „Drehort München“ und ZDF-Filmexperte. Moderation: Prof. Dr. Eberhard Piltz, langjähriger ZDF-Journalist und HFF-Professor.

Der Termin war passend gewählt: Tagsüber hatte die Staatsregierung der HFF-Leitung den Schlüssel für den Neubau an der Gabelsberger Straße übergeben. Am Abend dann konnte Manfred Heid die Pläne der Hochschule für die kommenden Jahre skizzieren. „Wir wünschen uns, dass sich der Einfluss der HFF bemerkbarer macht, und dass die HFF mehr bemerkt wird“, so Heid im Gespräch mit Eberhard Piltz. In Deutschland habe es immer zwei Filmstädte gegeben: München mit der Bavaria in Geiselgasteig und Berlin mit den Ufa-/ DEFA-Studios in Babelsberg. Zwar sei die Bavaria seit Jahren schwerpunktmäßig ein TV-Studio, aber die Filmhochschule wolle stärker als bisher auch Kinoproduktionen nach München holen oder initiieren.

Aber: Seit dem Kriegsende könne man in Deutschland eben nicht von einer Filmindustrie wie in den USA oder Frankreich sprechen. „Film ist in Deutschland eine Branche, keine Industrie“, sagte Heid. Eine Einschätzung, die Konsens auf dem Podium war.

BR-Mann Hubert von Spreti betonte die Chancen der hiesigen Produktions-Landschaft. „Hier wird oft vergessen, dass es auch eine sehr lebendige mittelständische Produzentenlandschaft gibt, die sich teilweise aus der HFF rekrutiert“, sagte von Spreti. Das seien Produktionsfirmen mit fünf bis zehn festen Angestellte. „Bei Produktionen kommen dann jeweils etwa 80 Freie hinzu“, so Hubert von Spreti.

Dennoch findet die Kinoproduktion in München auf niedrigerem Niveau statt. HFF-Professor Manfred Heid erklärte, dass bis in die 1970er Jahre aufgrund von sogenannten Abschreibefilmen das Business brummte. Mithilfe von steuerlichen Abschreibemodellen konnten damals bis zu 260 Prozent Steuervorteile erwirtschaftet werden. Mit der neuen Hochschule als softem Faktor wolle man die Kinoproduktion mit ankurbeln helfen. Eberhard Piltz – selbst jahrelang Fernsehjournalist – wollte die Querverbindungen zwischen TV- und Filmwirtschaft beleuchtet wissen: „Kann man ohne Zusammenarbeit mit den Fernsehsendern keine Filme mehr drehen?“

Hubert von Spreti, beim BR mit (Co-) Produktion und Einkauf von Filmen befasst, gab die Antwort. „Klipp und klar: Ohne das Fernsehen, besonders das öffentlich-rechtliche Fernsehen, gäbe es in Deutschland seit Jahrzehnten keine Filme mehr“, sagte von Spreti. Das sei immer schon so gewesen, auch zu Zeiten des deutschen Autorenfilms. Mit Ausnahme einiger Fassbinder-Filme seien alle Produktionen der 70er Jahre (Co-) Produktionen des Fernsehens gewesen. Und Ausnahmen wie die Constantin machten das Gros ihrer Gewinne mit TV-Produktionen.

Zugespitzt fragte Piltz: „Das Bild setzt sich fest, dass der Bär in Berlin tanzt. Wie sieht der Filmkritiker das?“ Für ZDF-Redakteur Achim Zeilmann hängt es nicht allein am Geld. Der „aspekte“-Filmexperte gab zu bedenken, dass etwa Münchens großer Konkurrent Babelsberg nach der Wende ein „totaler Chaos-Laden“ gewesen sei. Für ihn hat München an Motiven deutlich weniger zu bieten, als die Hauptstadt. „In Berlin findet man seit der Wende alles: Wenn man Moskau doubeln will, nimmt man Ostberlin“, so Zeilmann.

BR-Mann von Spreti gab zu bedenken, dass große US-Produktionen mit Fördergeld aus dem DFF-Topf nach Babelsberg gelockt würden, und so 10 Prozent der Finanzierung stemmen könnten. Aber: „Letztes Jahr ging Löwenanteil der DFF-Gelder nach München.“, sagte von Spreti. Mit Berlin und München sei es eben wie mit BMW und Daimler: Man müsse nicht alles gleich machen, um erfolgreich zu sein.

HFF-Vizepräsident Heid untermauerte das mit Zahlen. „Von den 15 erfolgreichsten Produktionen mit DFF-Förderung des Bundes, waren 14 aus München“, zitierte er aus einer Studie. Der Standort München nehme sich schlechter wahr, als er sei. Es werde zwar oft nicht in München gedreht, aber: „Das Geld wird in München verdient. Berlin ist die Stadt der Projekte, München ist die Stadt der Produktionen.“

Auch das Münchner Filmfest setzt eher auf Klasse statt Masse. Das machte Filmfest-Leiter Andreas Ströhl klar. Während die Berlinale Millionen 21 Millionen Euro zur Verfügung habe, könne das Münchner Filmfest lediglich 2 Millionen Euro ausgeben. „Wir sind kein Wettbewerbsfestival, sondern für das Publikum, aber auch die Filmwirtschaft da“, so Ströhl. Mit dieser Nische fährt das Festival wohl einen guten Kurs. Ströhl beschrieb den typischen Filmfest-Besucher, wie ihn eine empirische Untersuchung gezeigt habe: 42 Jahre alt, Akademiker, kleiner Frauenüberschuss; ein Drittel des Publikums kommt von außerhalb. Und diese Zuschauer kommen, um ausschließlich deutsche Erstaufführungen zu sehen. Auch bei der Preisvergabe wolle man das eigene Profil zeigen, und nicht Stars, sondern interessante Persönlichkeiten ehren. So gehe in diesem Jahr ein Preis an den Schauspieler John Malkovich und den Regisseur Otar Iosseliani.

Allerdings: Da ginge noch etwas. Denn HFF-Professor Heid rechnete vor: Auf dem Münchner Filmfest gingen die Cineasten acht mal in einer Woche ins Kino – aber der Durchschnittsdeutsche gehe lediglich ein-ein-viertel mal ins Kino – im Jahr. Aber vielleicht muss Kino auch nicht immer im Kino stattfinden, wie BR-Produzent von Spreti anregte. „Wenn wir wie bisher auf dem Feld bis 6 Millionen Euro Produktionssumme Filme hier machen, dann haben wir richtig gute Chancen“, war von Spreti überzeugt. Das Geld generiere man dann weltweit auch durch Absatzkanäle wie DVDs oder Kino-TV-Sender wie den Sundance Channel. „Wir sind eben Manufaktur, Amerika ist industrielle Fertigung“, brachte es von Spreti auf den Punkt.

Video 1: Diskussion

Video 2: Prof. Dr. Eberhard Piltz

Video 3: Achim Zeilmann

Video 4: Prof. Manfred Heid

Video 5: Hubert von Spreti

Video 6: Andreas Ströhl

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