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24.10.2011 (19:00), Thema des Tages:

PresseClubforum: 50 Jahre Deutsch-Türkisches Anwerbeabkommen

Von Thomas Kletschke

Dr. Vural Ünlü, Martin Neumeyer, Sebastian Steinmayr

v. l. n. r.: Dr. Vural Ünlü, Martin Neumeyer, Sebastian Steinmayr
FOTO: Robert Auerbacher

Vor 50 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet, um den Arbeitskräftemangel in der deutschen Nachkriegsindustrie aufzufangen. Bis zum Anwerbestopp 1973 strömten Arbeiter aus der Türkei in die Bundesrepublik und zählten vor allem in den ersten Jahren zu den Belegschaften in der produzierenden Industrie und im Baugewerbe. Das klassische Bild des türkischen Gastarbeiters aus jenen Tagen gilt jedoch schon lange nicht mehr. Denn es kamen, wie Max Frisch konstatierte, Menschen, die heute ihren festen Platz in der deutschen Gesellschaft haben. Rund 2,5 Millionen Türkischstämmige leben heute in der vierten Generation in Deutschland und prägen das gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Leben mit. Die türkisch-deutschen Beziehungen sind heute tief verwurzelt und unterliegen auf beiden Seiten einer großen Dynamik sowie einem regen Austausch. Doch wie wird Integration von beiden Seiten in der Praxis wahrgenommen? Warum ist das Bild von Migranten und Migrantinnen in den Medien tendenziell weiterhin negativ? Und wie sollte Deutschland mit der Tatsache umgehen, dass trotz des Fachkräftemangels jedes Jahr rund 40.000 gut ausgebildete Türkischstämmige, darunter viele Akademiker als Gastarbeiter 2.0 unser Land verlassen, weil sie in der boomenden Türkei bessere Jobchancen sehen? Diese Fragen diskutierten beim PresseClub-Forum Martin Neumeyer, CSU-MdL und Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung und Dr. Vural Ünlü, internationaler Medienunternehmer und Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern (TGB) mit Moderator Sebastian Steinmayr, Chefredakteur des BLR-Radios und der Audioagentur RadioDienst.

Ein halbes Jahrhundert beiderseitiger Einwanderungs-Erfahrung in der Bundesrepublik wird derzeit Bilanz gezogen. Sebastian Steinmayr erinnerte an das berühmte Max-Frisch-Zitat: „Wir riefen Arbeitskräfte – und es kamen Menschen.“ Als die Bundesrepublik händeringend nach Gastarbeitern rief, war nur wenigen klar, welche Folgen das für die Beteiligten haben würde. Moderator Steinmayr wollte von den beiden Gästen des PresseClubs wissen: „Wann ist ein Mensch in die bayerische Gesellschaft integriert?“ Für den Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer ist Integration keine Zwangsmaßnahme. „Das muss jeder selbst entscheiden, der sich zum Grundgesetz und der Bayerischen Verfassung bekennt. Und: der sich seine Zukunft hier vorstellen kann.“ Äußerlichkeiten wie Kleidung, Konsumverhalten oder Religionszugehörigkeit seien keine Integrationskriterien.

„Integration beginnt im Kreißsaal“

Stärker als bisher müsse man die „Zwei-Klassen-Diskussion“ der letzten Jahre unterbinden, meinte Neumeyer. Denn bisher würde das Thema Eingliederung meist von Verbänden, Kirchen und Parteien diskutiert. Auf der anderen Seite stehe die Bevölkerung, die mehr ins Boot geholt werden müsse. Dabei unterschied er nicht zwischen Deutschen und Einwanderern. Auch wenn es bereits Fortschritte bei der Integration Letzterer gebe, arbeite man weiter an Angeboten. Dazu zählten auch niederschwellige Angebote für Kinder und deren Eltern. Denn ohne Einbindung der Eltern funktioniere Integration nicht sehr gut. „Integration beginnt im Kreißsaal“, so Neumeyers Fazit.

Für den TGB-Vorsitzenden Dr. Vural Ünlü hat Integration auch viel mit Schichtzugehörigkeit zu tun. Er selbst sei ein Beispiel dafür, ließ er durchblicken. „Ich stamme aus einem Akademikerhaushalt und bin mit 11 Jahren nach Cloppenburg gekommen“, sagte er. An seinem Gymnasium gab es nur wenige Einwanderer-Kinder, was die Integration erleichtert habe. Zudem skizzierte er, dass es für die verschiedenen Einwanderer-Generationen auch unterschiedliche Grade der Einbindung in die aufnehmende Gesellschaft geben könne. So hätte seine Großmutter lediglich die beiden Worte „das da“ gelernt, um etwa im Geschäft auf einen Artikel zeigen zu können, den sie kaufen wollte. Aus Sicht der Politik sei seine Oma auf den ersten Blick eigentlich eine krasse Integrationsverweigererin gewesen. Doch seine Großmutter habe bei seiner Erziehung auch eine große Rolle gespielt. Seit er die ehrenamtliche Verbandstätigkeit übernommen habe, bekomme er von türkischstämmigen Menschen manchmal den Vorwurf zu hören, er sei über-integriert, erklärte er schmunzelnd.

Konstruktionsfehler im Zwei-Seiten-Vertrag

Sebastian Steinmayr wollte vom Podium wissen, ob es beim ursprünglichen Anwerbeabkommen Konstruktionsfehler gegeben habe? Neumeyer erinnerte daran, dass das damalige Abkommen lediglich zwei Papier-Seiten umfasste. „Man hat bei diesem Abkommen nur junge kräftige Männer gesehen, nicht dass diese Männer auch Gefühle haben und irgendwann Familien haben wollen“, sagte er. Zudem war der Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei zunächst auf zwei Jahre begrenzt, erinnerte Neumeyer. „Man hat damals nur den 'Zeit-Moment' gesehen, nicht den Zeitraum.“

Angesichts der Tatsache, dass inzwischen die Netto-Abwanderung der bereits integrierten türkischstämmigen Einwanderer höher liegt, diskutierte das Podium, woran das liege. Einig war man sich darüber, dass gut ausgebildete und mehrsprachige Menschen aufgrund der Globalisierung heutzutage sehr mobil sind – und natürlich gegebenenfalls zurückkehren würden. Neben Sprache und Bildung machten Ünlü und Neumeyer auch eine adäquate Infrastruktur als Voraussetzung für Integration aus. „Stadtplanung ist sehr wichtig. München etwa hat das sehr richtig gemacht“, stellte Vural Ünlü fest. Auch hier gebe es Ghettos, aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie in anderen Großstädten. Für Martin Neumeyer bemerkenswert war dabei die zeitliche Perspektive. Anfangs habe man die Gastarbeiter oft zu überhöhten Mieten in sanierungsbedürftigen Wohnungen untergebracht. „Dann wundert man sich, dass in den 1990ern die Leute diese Häuser einfach gekauft und renoviert haben“, so der Integrationsbeauftragte.

Verzerrte Bilder geraderücken

Sebastian Steinmayr wollte mehr über das Bild des Einwanderers erfahren. „Gibt es zwei unterschiedliche Wahrnehmungen? Hier die Politik, dort die Bürger?“ Ünlü beschrieb eine starke Diskrepanz. „Das hat man in der unsäglichen Sarrazin-Debatte gesehen. Da gibt es Befürchtungen und Ängste in der Bevölkerung, die man ernst nehmen muss“, sagte Ünlü. Neumeyers Einschätzung lautete: „Die Mehrheit sieht die Integration nicht euphorisch, aber positiv.“ Den Menschen sei etwa bewusst, dass der demographische Wandel mit einer gezielten Einwanderungspolitik entschärft werden müsse. Eine Diskussion, wie sie noch vor wenigen Jahren so kaum geführt worden sei. „Gleichzeitig haben viele Menschen Angst vor dem Islam und Muslimen. Beim Sarrazin-Bestseller haben wir gesehen: Das waren 1,4 Millionen verkaufte Bücher.“ Deshalb dürfe man die Befürchtungen nicht wegwischen. Mancher Bürger äußere in Diskussionen: „Man hört mir nicht zu.“

Dass das Zuhören und Hinschauen von und in den Medien noch oft genug zu klischeebeladenen Darstellungen führt, kritisierten Neumeyer und Ünlü unisono. „Die Medien haben da eine große Verantwortung“, mahnte der Integrationsbeauftragte. Ünlü meinte, besonders in den letzten Jahren seien Türken – wie auch Ostdeutsche – in Gerichtsshows sehr klischeehaft dargestellt worden. „Kürzlich erst bin ich – von einem öffentlich-rechtlichen Sender – angeschrieben worden, der Redaktion einen Türken zu vermitteln, der polygam mit drei Frauen lebt“, führte Ünlü ein aktuelles Beispiel an.

Dass Integration eine nicht immer klar umrissene, und vor allem eine Angelegenheit ist, die jahrelanger Bemühungen verschiedener Akteure bedarf, war Konsens. So wollten sich die Diskutierenden auch nicht auf einen Zeitraum festlegen, an dem die Integration der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten abgeschlossen sein könnte.

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