Seiten durchsuchen

06.08.2012 (19:00), Thema des Tages:

PresseClubforum „200 Jahre Biergarten“ – Erfolgsmodell bayerischer Lebensart oder aussterbende Spezies?

200 Jahre Biergarten2012 jährt sich der Erlass zum 200. Mal, der den Brauereien erlaubt, auf ihren Bierkellern von Juni bis September selbstgebrautes Bier „in minuto zu verschleißen" und ihre Gäste mit Bier und Brot zu bedienen. Seitdem trifft sich Alt und Jung, einheimisch und auswärtig – unabhängig von Einkommen und sozialen Status – zu einem ungezwungenen Miteinander. Auf dem Erlass von 1812 beruht auch der Brauch, dass die Gäste in den Biergarten ihr eigenes Essen mitbringen und verzehren dürfen. Biergärten gelten weit über Bayerns Grenzen hinaus als Ausdruck bayerischer Lebensart. Wie steht es mit der Biergartenkultur heutzutage? Ist die Biergartenkultur – etwa durch die Sperrstundenvorordnung – gefährdet? Was haben Pizza und Döner im Biergarten verloren?

Über Geschichte und Zukunft des Biergartens diskutierten am 6. August: Dr. Michael Stephan, Direktor des Stadtarchivs München, Uschi Seeböck-Forster, Präsidentin des Vereins zur Erhaltung der Biergartentradition e.V.und Johann Eichmeier, Biergartenwirt vom Münchner Hirschgarten. Moderation: Dr. Gabriele Weishäupl, Initiatorin des Jubiläumsjahres „200 Jahre Biergarten“ und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Tourismusverbandes München – Oberbayern.

Von Thomas Kletschke

Am Anfang, 1812, stand ein königliches Reskript, dass den schon in den vorherigen Jahrhunderten praktizierten Bierkonsum an den Bierkellern Münchens legalisierte. Damit begann die Erfolgsgeschichte des Biergartens, der auch im Ausland und bei München-Besuchern als bayerische Eigenart beliebt ist. Aber im späten 20. Jahrhundert mehrten sich in München Anwohnerbeschwerden, wurden Klagen angestrengt. Nach dem Motto: Biergarten ja – aber nicht in meiner Nachbarschaft. Anno 1995 wurde es dem (Biergarten-)Volk dann zu bunt: die „Biergartenrevolution“ wurde ausgerufen. Uschi Seeböck-Forster war damals eine der Initiatorinnen und Initiatoren.

Auf dem Podium konnte sie eines der Ergebnisse zitieren, dass die Gerstensaft-Freunde erreichen konnten: „Biergärten erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag entgegen.“

Was zunächst wie PR aus einem Faltblatt ihres 150 Mitglieder zählenden Vereins zur Erhaltung der Biergartentradition klingen könnte, oder wohlmeinender Soziologenprosa, ist dagegen Gesetz – beinahe jedenfalls. Das von Seeböck-Forster vorgetragene Zitat stammt aus der Bayerischen Biergartenverordnung von 1999. Die regelt, als Folge der Auseinandersetzung die Anwohner- und Besucherinteressen. Und die der Wirte. Johann Eichmeier, seit 1989 Wirt des Hirschgartens kann aktuell ein Lied davon singen, wie die seit 200 Jahren offizielle, aber schon lange zuvor existierende Kultur der Biergärten immer wieder unter Beschuss gerät. „Es gibt eine Klage, in deren Folge ich betroffen sein werde.“

Über den Umweg einer Neubewertung von der Einrichtung, die wiederum auf EU-Recht basiere könnten auch Teile des Biergartens juristisch anfechtbar gemacht werden, befürchtet er. Immerhin 8.000 Gäste hätten im Biergarten Platz, 7.00 der Plätze sind in Bereichen, in denen die Besucher ihre eigene Brotzeit mitbringen könnten. In letzter Zeit sieht der Wirt auf Nachfrage von Moderatorin Dr. Gabriele Weishäupl einen Trend zum Süßen. Kuchen und Co. Haben Radi und Obazda teilweise verdrängt, so die Beobachtung Eichmeiers. Für Uschi Seeböck-Forster sind gewisse moderne Varianten des Biergartenbesuchs dagegen ein No Go: „Im letzten Jahr gab es in einigen Biergärten vermehrt Fälle, in denen der Pizzaservice, direkt an den Tisch im Biergarten liefert. Wir möchten nicht, dass so etwas üblich wird.“ Schließlich habe man eine wunderbare Tradition, die auch ein wenig bayerisch bleiben solle, so Seeböck-Forster.

Dass kulturelle Traditionen auch Folge technologischer Defizite sein können, beleuchtete Stadtarchivar Dr. Michael Stephan. Problem damals: die vorindustrielle Bierproduktion. „Es gab noch keine Kühlmaschinen. Also wurden von den damals 60 Brauereien Bierkeller gebaut, ab einer gewissen Zeit etwa an den Isarauen“, sagte Stephan. Gebraut werden durfte damals nur zwischen September und April. Das Bier wurde in den Kellern gelagert, die mit Kies überdeckt wurden. Zudem sollten über der Erde angepflanzte Kastanien und herangeschaffte Eisblöcke den Edelhopfen weiter kühl halten.

Auch im 18. Jahrhundert gab es schon jede Menge (Rechts-) Streit, wie Michael Stephan skizzierte. Die Gastwirte wollten nicht, dass ihnen die Brauer das Geschäft mit den Kunden wegnahmen. Denn die Bürger kauften nicht nur, wie eigentlich erlaubt, Bier in Fassmengen, sondern verzehrten in und an den Bierkellern ihre Maß. Und das wohl spätestens ab 1728, als der erste Bierkeller erwähnt wird. Der Kurfürst verbietet das Ausschenken in minuto (= in Maßkrügen). Bis zur Freigabe der Praxis 1812 verbieten immer neue Verordnungen und Erlasse den Bierkonsum im Kleinen – laut Historiker Stephan der beste Nachweis, dass es eine gängige Praxis war.

Und heute? Nachdem 25.000 Bayern im Jahr 1995 die drohende Schließung von Biergärten durch Klagen anderer Bürger vermeiden wollten, nahm sich die Staatsregierung der Sache an, und sorgte durch die Biergartenverordnung von 1999 für Rechtsfrieden. Vorläufig. Denn momentan scheint ein Problem dadurch nicht lösbar, wie Biergartenwirt Johann Eichmeier zugibt: der Verkehr.

Durch Zunahme des Verkehrs, dem Näherrücken von Wohngebieten an die Biergärten und gleichzeitiger Abnahme der Parkplätze entstünden Staus und vor allem neue Lärmbelästigungen, die die Nachbarn auf die Palme bringen. In seinem Biergarten, der nach Konzession noch bis 1 Uhr ausschenken darf, wird das letzte Bier um 23.30 Uhr aus den Holzfässern gezapft. Seit 1791, also noch vor der offiziellen Geburtsstunde des Biergartens als juristischem Konstrukt, gibt es eine Schankerlaubnis für seinen Biergarten.

Aber auch am und um den Biergarten machen die Zeitläufte keinen großen Bogen. In den Hygienebereichen gelten neue EU-Vorschriften. Wird an diesen Wirtschaftsgebäuden aber etwas modernisiert, könnten weitere Baugenehmigungen fällig werden, die bisher nicht nötig sind, eine mögliche Folge aus einem Verwaltungsgerichtsurteil. Und wer bedroht die Biergärten durch angedrohte oder reale Klagen? Eichmeiers Antwort birgt sozialen Sprengstoff: Die Kläger kommen nach seiner Erfahrung vor allem aus den Reihen der Ruheständler und Rentner, einer – Stichwort demographischer Faktor – größer werdenden Bevölkerungsgruppe. Johann Eichmeier bekundet auf dem Podium weitere Dialogbereitschaft mit der Gruppe dieser Nachbarn. Schließlich soll der Biergarten bei allem gesellschaftlichen Wandel auch in den kommenden 200 Jahren noch ein liebenswertes bayerisches Kulturgut bleiben.

Zurück