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07.02.2011 (19:00), Thema des Tages:

Macht Fernsehen dumm und aggressiv?

Von Thomas Kletschke

München. Ausgerechnet an dem Abend, an dem über eines der technisch kompliziertesten Medienformate diskutiert wurde, streikten die Mikrofone. Dennoch klappte am 7. Februar 2011 die Kommunikation auf dem Podium des PresseClubforum. Über die Balance zwischen Boulevarisierung und Information im Fernsehen diskutierten Focus-Redakteur Dr. Alexander Kissler – Autor des Buches „Dummgeglotzt“, Uwe Brückner, der seit den Anfängen für die Münchner Regionalprogramme von RTL und münchen.tv arbeitet und Werner Reuß, der als BR-alpha-Programmchef die Öffentlich-Rechtlichen vertrat. PresseClub-Vorsitzender Ruthart Tresselt moderierte die Diskussion „Macht Fernsehen dumm und aggressiv?“.

Wenn Journalisten miteinander debattieren, machen sie eines besonders gern: zuspitzen. Alexander Kissler stellte fest: „Im Medium Fernsehen wird gestritten wie nie zuvor. Man kann sagen, die neue Kernkompetzenz der ARD ist: quatschen.“ Für ihn sei am Massenprogramm bei privaten und gebührenfinanzierten Sendern symptomatisch, dass es stets auf die „Martha Kaluschke-Geschichte“ hinauslaufe. Um etwa ein Wirtschafts-Thema ins TV zu bringen, suche man einen Protagonisten von der Straße, Martha Kaluschke eben. Der Info-Gehalt leide häufig darunter. Der Boulevard zieht auch bei den Zuschauern besonders gut. „RTL hat die Gegner pulverisiert. Im vergangenen Jahr lag der Marktanteil mit 13,6 % deutlich vor den anderen Sendern“, sagte Kissler

SWR-Nachrichten: Live-Schaltung aus dem Swingerclub

Als Beleg führte er Quoten vom Januar 2011 an. Von den 20 meist gesehenen Sendungen hatten die deutschen TV-Zuschauer neben einem Spielfilm auf Platz 17 (ProSieben) stets Folgen der RTL-Formate „Dschungelcamp“ und „Deutschland sucht den Superstar“ eingeschaltet, so Kissler. Das Problem: „Da wo massenhaft geschaut wird, wird das Menschenbild vorexerziert, 'wenn du dich erniedrigst hast du Erfolg'“, stellte er fest. Auch die öffentlich-rechtlichen Programme fänden Geschmack am Seichten. Als Belege führte Kissler einen Bericht in einer 18-Uhr-Nachrichtensendung des SWR, der aus einer Live-Schaltung in einen Swingerclub bestand, oder Interviews im ARD/ZDF-Morgenmagazin, in denen eine Drag Queen zum Thema Strippen befragt wurde. „Meiner Meinung nach fühlen sich die Öffentlich-Rechtlichen zu sehr von der Quote getrieben – und das bei 8,5 Milliarden Euro an Gebühren im Jahr“, kritisierte Alexander Kissler. Dabei habe besonders das ZDF einen Hang zur Quoten-Fixiertheit.

Uwe Brückner gab dem Kritiker in einigen Punkten recht. Natürlich gebe es Boulevardisierung bei den Privatsendern. „Als ich bei RTL begann hieß es schon damals über unser Programm, es bestehe aus 'Rammeln, Töten, Lallen'. Aber schon in den Anfängen waren unsere Nachrichtenformate schneller. Selbstverständlich haben wir im Kabelpilotprojekt frech und alternativ begonnen“, blickte Brückner zurück in die Anfänge des Privatfernsehens. Eine Bedingung für die Privatsender sei aber der Grund für das Schielen nach der Quote: „ Jeder Sender, und inzwischen auch jeder Sendeplatz muss sich am Markt erlösen.“ Der bayerische Rundfunk mache seine Arbeit zwar gut, erhalte aber im Gegensatz zu den rein werbefinanzierten Fernsehsendern eine Milliarde Euro an GEZ-Gebühren.

Selbstkritisch meinte Brückner, auch er finde den Großteil der Nachmittags-Talkshows „ekelerregend“. Doch, wer schaue nachmittags fern? Dies seien Rentner, Schüler die noch keinen eigenen Computer besäßen und Arbeitslose. Und die Sendungen träfen eben auf affine Zuschauer, für die die Werbung treibende Industrie entsprechende Spots bei den Sendern schalte. „Das ist die nüchterne Realität“, so Uwe Brückner. Inzwischen hätten die TV-Sender Probleme, geeignete „Protas“ – also Protagonisten wie Martha Kaluschke – zu finden. „Scripted Reality ist billiger. Das hat betriebswirtschaftliche Gründe.“

Der typische Arte-Zuschauer besitzt keinen Fernseher

Werner Reuß fand die Quoten-Diskussion „heuchlerisch“. Hätten öffentlich-rechtliche Sendungen geringe Zuschauerbeteiligung, werfe man den Sendern Verschwendung vor – den Machern oft gesehener Programme werfe man dagegen pauschal Quoten-Fixiertheit vor. Gleichwohl wollte auch BR-Mann Reuß wie sein RTL-Kollege Brückner nicht generell das Programm der Öffentlich-Rechtlichen bejubeln. „Es ist kein Geheimnis, dass die ARD in der Unterhaltung mittelprächtig aufgestellt ist“, sagte Reuß. Bei der Information dagegen zeigten ZDF, ARD und Co. etwa doppelt doppelt so viel wie die private Konkurrenz.

Dass das TV so schlecht nicht sei, zeigten auch die immer noch steigenden Wachstumsraten bei der Mediennutzung. Im Schnitt sehe jeder Deutsche täglich 225 Minuten fern – zunehmend auch im Web. „Fernsehen ist immer noch ein bisschen wie Lagerfeuer für die Familien. Es lodert nur vielleicht nicht mehr so hoch“, meinte Werner Reuß. Dabei sei es wichtig, dass die öffentlich-rechtlichen TV-Sender verschiedene Geschmäcker zu bedienen hätten. Dafür seien GEZ-Gebühren von 17,98 Euro im Monat nicht zu viel. Mit Blick auf die Zielgruppen-Diskussionen bemerkte Reuß ironisch: „Der typische Arte-Zuschauer hat gar keinen Fernseher und geht ins Theater, statt die Oper im TV zu sehen.“ Und zu der eingangs von Alexander Kissler festgestellten Überalterung der Zuschauer etwa des ZDF, brachte BR-Journalist Reuß den demografischen Wandel ins Spiel: „Man könnte auch sagen, die Bevölkerung bewegt sich auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu.“

Moderator Ruthart Tresselt erweiterte die Diskussion um die Quote um einen neuen Aspekt. „Auch Qualität kann Quote machen“, sagte er. So habe kürzlich eine TV-Reportage über Demenz sehr hohe Zuschauerzahlen gehabt. Werner Reuß konnte das für Bildungsprogramme und Info-Formate bestätigen. Bei BR-alpha hätten solche Sendungen eine große Bindungswirkung auf die Zuschauer; die Verweildauer sei ebenfalls hoch. Allerdings müsse man einen längeren Atem haben, um diese Erfolge zu erzielen.

Kunstwerk und Goldgrube – Dschungelcamp auf RTL

Eine quotenträchtige Sendung wurde etwas eingehender diskutiert, das RTL-Dschungelcamp. Uwe Brückner verteidigte das RTL-Format. „Das ist eigentlich ein Kunstwerk. Ein Medien-Professor der Filmhochschule in Potsdam hat darüber geforscht. Das Ergebnis seiner Studie: Hier arbeitet man mit den Mechanismen des Karnevals. Man ist ein bisschen böse, ein wenig provokant“, sagte er. Die Protagonisten könnten aus den Rollen des Alltags aussteigen, eine Katharsis finden und suchen. „RTL hat zwar dieses Nugget gefunden, aber SAT.1 oder der WDR hätten das sicherlich auch gesendet wenn sie es erfunden hätten“, so seine These. Dem widersprach Alexander Kissler. „Ich glaube nicht, dass die Sendung bei den Öffentlich-Rechtlichen gelaufen wäre. Das wäre dort nicht durch die Gremien gekommen“, war der Buchautor überzeugt. Den Privatsendern hielt er vor, die ausgedachten Konflikte in den Doku-Soaps drehten sich stets ums Gleiche; auch die Lösungen in den als Ratgeber daherkommenden Sendungen ähnelten sich stets. Fernsehen sende aber nicht nur Abbilder der Realität, sondern verstärke auch Abzulehnendes und Obszönitäten, die dann von den Menschen nachgeahmt würden.

An DSDS oder dem Dschungelcamp störte BR-Mann Reuß „die Funktion als elektronischer Pranger“. Man müsse die Menschen notfalls auch vor sich selbst schützen, dürfe sie nicht vorführen. Durch Daily Soaps würden Verhaltensweisen eingeübt. Mit den Argumenten des RTL-Journalisten Brückner könnte man sonst ja auch eine Liveübertragung einer Hinrichtung zeigen samt Zuschauerbeteiligung und Gewinnspiel.

Gar nicht so wehrlos: Zuschauer spielen mit

Allerdings scheinen auch die Privaten lernfähig zu sein. So konnte Brückner berichten, dass RTL national nach einem blutrünstigen Oster-Programm in der Vergangenheit umgedacht habe. Und im Regionalprogramm hätten Zuschauerreaktionen nach einem Kino-Trailer im Vorabendprogramm zu einem Redaktionsstatut geführt. „Wir haben damals über einen Kinostart berichtet und dabei gezeigt, wie ein Killer ein Kind mit einem Kopfschuss hinrichtet. Daraufhin schrieb uns eine Mutter. Seitdem zeigen wir in dieser Sendezeit keine Gewalt gegen Frauen und Kinder mehr“, berichtete Uwe Brückner.

Dem Fernsehen kann also der Dialog mit den Zuschauern sehr nutzen. Mit Blick auf die Zukunft des Mediums meinte Alexander Kissler, das TV werde mehr zum Mitmach-Medium. Neue Sendungen könnten im Web getestet und on demand abgerufen werden. Ein negatives Szenario könnte aber auch sein, dass die Zuschauer in ein paar Jahren eventuell nicht mehr unterscheiden könnten, was real sei und was nicht. Für Werner Reuß sind auch stets die Medien-Nutzer gefragt: „Es liegt an uns allen, welche Programme wir nutzen oder welche Zeitungen und Zeitschriften wir lesen. Es ist ein Do-ut-des-Spiel – ein Geben und Nehmen.“

Video 1: Dr. Alexander Kissler

Video 2: Uwe Brückner

Video 3: Werner Reuß

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