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29.03.2011 (19:00), Thema des Tages:

Ein ewig Rätsel - Ludwig II

Der rätselhafte König – zum 125. Todestag Ludwig II

Wer und was war er: Technikfreund, Föderalist und Hippie? Und was genau passierte am 13. Juni 1886, als König Ludwig II. und Psychiater Bernhard von Gudden im Starnberger See starben? Diese Fragen diskutierte am 29. März das PresseClubforum anlässlich des "Blauen Jahrs" 2011, in dem die Landeshauptstadt München zwei ganz unterschiedliche Jubiläen würdigt. Zum einen jährt sich 2011 die Geburtsstunde der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“, zum anderen starb vor 125 Jahren der legendäre Märchenkönig Ludwig II., der weltweit als Symbol für Bayern bekannt ist. PresseClub-Vorstand Dr. Gabriele Weishäupl, zugleich Tourismusdirektorin der Landeshauptstadt München, moderierte die Runde. Als Gäste auf dem Podium diskutierten Dr. Peter Gauweiler, MdB, (Ein Staatsstreich im Jahr 1886), Prof. Gerd Hirzinger, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) (Ludwigs unvollendete Räume am Computer), Dr. Hermann Rumschöttel, Historiker und ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns und Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte.

Es gebe wohl keine Figur in der bayerischen Geschichte, die weltweit so bekannt sei, wie Ludwig II., meinte Gabriele Weißhäupl. Die Stadt München und der „Kini“, das sei zu dessen Lebzeiten eine schwierige Verbindung gewesen. Ludwig sah die Stadt an der Isar als „unselige Stadt, an welche mich nichts fesselt“ zitierte sie ihn. Ein anderes Selbstzeugnis: „mit Widerwillen“ bewohne er die Stadt – obwohl er in Schloss Nymphenburg geboren und in St. Michael begraben worden sei. Ein Herrscher also, der auch spaltete. Wurde ihm das zum Verhängnis?

Peter Gauweiler vertrat seine publizierte These, die Entmündigung Ludwig II. sei letzlich ein Staatsstreich gewesen. „Die Entmündigung hat ganz erhebliche politische Bezüge und wirft einen Schatten auf Bayerns Politik und die Geschichte der Psychiatrie Münchens“, so Gauweiler. Der Psychiater Bernhard von Gudden, der auf Weisung der damaligen bayerischen Regierung das Entmündigungsgutachten schrieb, habe Ludwig II. nicht ein einziges mal persönlich getroffen und befragt, hob er hervor.

Staatsstreich und Kampf zwischen Parlament und Regierung

Peter Gauweiler schilderte, wie Ludwig quasi von heute auf morgen in einer Kutsche in seine Residenz Schloss Berg am Starnberger See gebracht wurde, die man „zur Irrenanstalt umgebaut hatte.“ Nicht nur nach heutigen Vorstellungen, sondern auch nach damaligen rechtlichen Vorschriften sei all das illegal gewesen. „Die Rechtslage war damals für einen Bürger oder eine Bürgerin, aber auch für den König die gleiche. Die Zivilprozessordnung war schon damals sehr modern.“, sagte Gauweiler. Gleichwohl hätte man Ludwig II. vorenthalten, einen Rechtsbeistand zu nehmen, dass die Entmündigung vor einem Richter verhandelt wurde oder die persönliche Begutachtung. All dies und weitere Fakten ließen nur den Schluss zu, dass es sich um einen Staatsstreich gehandelt habe, so Gauweiler weiter.

Man könne nur zu einem Ergebnis kommen, meinte Peter Gauweiler. „Hier wurde ganz gezielt und ganz offen Recht gebrochen.“ Er sah in der Vorgeschichte den Grund für diesen Machtwechsel. Der König habe sich ans Parlament wenden wollen, in dem die Regierung keine Mehrheit hatte, um weitere Mittel für seine Schlösser einzuwerben. Letztlich scheint es also ums Geld gegangen zu sein. Das Ganze sei „kein Ruhmesblatt bayerischer Geschichte“ gewesen, sagte Gauweiler.

Bayerns erstes elektrische Kraftwerk

Der „Kini“, der in zahlreichen Verfilmungen und Veröffentlichungen Projektionsfläche für viele Deutungen bietet, zieht auch Nicht-Historiker in den Bann. Bestes Beispiel: Gerd Hirzinger von der DLR. Der Leiter eines Instituts für Robotik und Mechatronik setzte ein dreidimensionales Bildverfahren ein, um bestehende und auch nicht mehr existierende Schlösser und Bauvorhaben des Königs sichtbar zu machen. Aber auch mit Ludwig als Person hat sich Hirzinger beschäftigt. „Ludwig II. war auch ein Technikfreak“, sagte er. Besonders die Luftfahrt habe den Monarchen schon früh begeistert. Die Technikbegeisterung Ludwigs habe etwa die Grotte im Schloss Linderhof mit ihrem Farbspiel dazu geführt, dass Bayerns erstes elektrisches Kraftwerk konzipiert und gebaut wurde.

Die von Gerd Hirzinger virtuell nachgebauten Räumlichkeiten und Schlösser sind bald auch in der Ausstellung „Götterdämmerung“ zu sehen, die Historiker Richard Loibl verantwortet. Bevor die Ausstellung Mitte Mai in Schloss Herrenchiemsee startet, gab Loibl Einblicke in das, was die Besucher erwarten wird. Neben den spannenden Fragen nach der Todesursache, die immer noch als ungeklärt gelten müssen, haben die Ausstellungsmacher auch die Technikfreundlichkeit des Königs zum Thema gemacht. „Der Preis für Kohle war in Bayern damals fünf mal so hoch wie im Ruhrgebiet“, sagte Loibl. Stattdessen habe man schon damals auf „weisse Kohle“ gesetzt – die Wasserkaft. „Die Entwicklung von Turbinen, das Faible für Elektronik und die Zukunftsindustrie Chemie erlebten unter Ludwig II eine große Förderung“, sagte Loibl. Obwohl der „Kini“ kein Wirtschaftspolitiker gewesen sei, habe er mittelbar die Entwicklungen vorangetrieben.

Die Uhr, die zu früh stehenblieb

Aber die Ausstellungsmacher würden natürlich auch die bis heute ungelösten Rätsel um Ludwigs Tod dokumentieren, versprach Loibl. Erstmals zeige man nun etwa Ludwigs Uhr, die über eine Stunde vor der des ebenfalls umgekommenen Psychiaters von Gudden stehengeblieben sei. Und auch die Ludwig immer wieder nachgesagte angebliche Homosexualität werde thematisiert. Zum Schwulsein in Ludwigs Zeit gab Richard Loibl interessante Details bekannt. „Homosexualität war in der bayerischen Verfassung nicht strafbar.“ Seine Affinität zur Homoerotik sei unstrittig, aber von den damals auch in der Münchner Presse verbreiteten Gerüchten über Ludwigs Schwulsein bleibe nach näherer Betrachtung nicht viel übrig. Auch sonst müssen es damals spannende Zeiten gewesen sein. „In dieser Zeit dämmert die Demokratie herauf, es wird hitzig diskutiert, ob Bayern dem Deutschen Reich beitreten soll; im Landtag bekennen sich Parlamentarier zu Freiheit, Demokratie und Europa“, skizzierte Loibl das Zeitalter Ludwigs II.

Probleme mit den Bürokraten

Auch Hermann Rumschöttel beschrieb Ludwigs Regierungszeit als eine hochpolitische – und korrigierte manches Vorurteil: „Ludwig sollte nach der Verfassung an der Spitze des Staats stehen und Bayern leiten. Und das hat er gut gemacht. Dass Ludwig II. nicht regiert habe, stimmt nicht“, klärte Rumschöttel auf. Zu Gauweilers Staatsstreich-These fügte Rumschöttel an, dass die bayerischen Spitzenbeamten „wohl einige Probleme“ mit ihrem König gehabt hätten.

„Aber was geschah am regnerischen 13. Juni am Starnberger See?“, fragte Gabriele Weißhäupl abschließend das Podium. Historiker Rumschöttel war sich mit den anderen Experten einig, dass auch das Gutachten von 1986 Zweifel übrig ließe, die bleiben. Aber: „Der König war in einer Grenzsituation, völlig verzweifelt. Deshalb kann man sagen, die Umstände haben ihn in den Tod getrieben“, so Rumschöttel.

Gerd Hirzinger verwies auf das Badehaus, in dem Ludwigs Leichnam ein paar Stunden aufbewahrt worden war, und das kurz darauf abgerissen wurde. Dies könnte ein Indiz auf ein Verbrechen gewesen sein; schließlich hätten Zeitgenossen auch über Chloroform-Geruch in diesem Badehaus berichtet.

Ausstellungs-Kurator Loibl sagte: „Wir wissen es nicht genau. Aber meine persönliche Meinung ist, dass einiges auf einen Unfall oder Selbstmord hindeutet.“

Für den Abgeordneten und Juristen Peter Gauweiler lag der Fall klarer. „ Es war zumindest Totschlag, begangen in mittelbarer Täterschaft“, so seine Beurteilung. Denn Ludwig II sei in den letzten Wochen massiv bedrängt worden, und man habe ihn eingesperrt, obwohl man auch von seinen suizidalen Neigungen gewusst habe.

Einen neuen Aspekt der Person Ludwigs brachte eine Zuschauerin ins Gespräch. In ihrer Abschlussarbeit habe sie herausgefunden, dass Ludwig möglicherweise vorgehabt habe, ins Schweizer Exil zu gehen. Nur ein neues Mosaiksteinchen im vielteiligen Puzzle Ludwig II. Mit einer weiteren Deutung fand die Forscherin spontan bei den Ludwig-Experten Zustimmung. Für sie sei Ludwig eine Vorform der Hippies gewesen: friedensorientiert und naturliebend.

Video 1: Dr. Richard Loibl 

Video 2: Dr. Gabriele Weishäupl

Video 3: Dr. Hermann Rumschöttel

Video 4: Gerhard Hirzinger

Video 5: Peter Gauweiler

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