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05.10.2010 (19:00), Thema des Tages:

Wie krank macht das Krankenhaus?

Von Thomas Kletschke
München. Seit dem Tod dreier Babys an einer Mainzer Klinik und dem Hygieneskandal an Münchner Krankenhäusern beobachten Medien und Öffentlichkeit die Gesundheitseinrichtungen kritischer als zuvor. Auch die Politik fordert sinngemäß: Hygiene soll jetzt (wieder) ganz groß geschrieben werden. Auf dem Podium des PresseClub diskutierten Joachim Lorenz, Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München, Robert Schurer, Direktor der AOK Bayern, Privatdozent Dr. med. Heinz-Michael Just, Vorsitzender der Kommission für Krankenhaushygiene am Robert Koch Institut (RKI) sowie Peter Friemelt, Leiter des Gesundheitsladens in München. Anita Bauer-Duré moderierte die Veranstaltung unter der Fragestellung „Wie krank macht das Krankenhaus?“.
In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit werde einiges verwechselt wird, meinte RKI-Experte Michael Just. „Sind Mikroorganismen gefährlich? Lauern sie uns auf? Eigentlich ist das Gegenteil richtig“, sagte der Mediziner. Der menschliche Körper brauche die Mikroorganismen. „Wir bestehen nur zu 10% aus menschlichen Zellen, aber zu 90 % aus bakteriellen Zellen“, so Just, der auch als Leitender Arzt des Instituts für Klinikhygiene, Medizinische Mikrobiologie und Klinische Infektiologie am Klinikum Nürnberg arbeitet. Nach seiner Sicht ist der „reflexartige Gebrauch von Antibiotika absolut schädlich.“ Denn inzwischen würden immer mehr Erreger resistent gegen die Gegenmittel; diese Superkeime seien weltweit auf dem Vormarsch.

Gesetze reichen noch nicht aus

Joachim Lorenz betonte, dass es aus Behördensicht schwierig sei, die hygienischen Standards durchzusetzen. Der Gesundheits- und Umweltreferent der Stadt München wünschte sich von der Politik mehr Unterstützung. Erst eine Klinikverordnung würde auch in Bayern für mehr Möglichkeiten sorgen. Denn bisher gebe es immer noch Krankenhäuser, die die bundesweiten Empfehlungen des RKI nicht als verbindlich ansehen. Aktuell streite die Stadt mit einer hiesigen Klinik vor Gericht um diese Frage. Die Klinik habe nun die Stadt vor den Verwaltungsgerichtshof gezerrt. Er begrüße dies. „Dann hätten wir eine höchstrichterliche Entscheidung dazu“, so Lorenz.
Denn – und da war das Podium grundsätzlich einer Meinung – die bisherigen Verordnungen und Gesetze reichten noch nicht aus, um Infektionen in Krankenhäusern oder auch bei mobilen Hilfsdiensten eindämmen zu helfen.
Generell gilt: Hat sich ein Patient im Krankenhaus infiziert, so hat er die Beweispflicht vor Gericht, wenn er zivilrechtlich vorgehen will. Auch der Gang zu medizinischen Verbraucherschützern bringt nicht zwangsläufig den Erfolg. Peter Friemelt vom Gesundheitsladen in München stellte fest, dass Kliniken tendenziell zu formal mit solchen Problemen umgingen.
Bliebe dann die Krankenkasse. AOK-Chef Robert Schurer sagte, dass die gesetzlichen Kassen meist über ein Behandlungsfehlermangement versuchten zu helfen – auch das sei derzeit aber lediglich eine Kann-Vorschrift des Sozialgesetzbuchs (SGB). „Zuerst sprechen wir mit dem Patienten. Dann prüfen die Experten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) den  Verdacht des Patienten.“ Würden die Hinweise auf hygienische Mängel oder eine Infektion im Krankenhaus hindeuten, so fordere die Kasse als nächstes die Patientenunterlagen bei der Klinik an, die dann vom MDK in einem Gutachten ausgewertet würden. Doch auch Schurer gestand: „Die Waffengleichheit vor Gericht ist ungleich verteilt.“ So habe etwa die Münchner AOK in keinem einzigen konkreten Verdachtsfall vor Gericht gegen ein Krankenhaus gewinnen können. Das liege an der Rechtsprechung, die auf einem reinen Richter-Recht aufbaue.

Auf dem Podium nannte Peter Friemelt die Zahl von jährlich 50.000 Hygiene-Todesfällen in Gesundheitseinrichtungen; bis zu 30 Prozent davon seien auf Mängel zurückzuführen. Neben dieser erschreckend hohen Zahl sind auch die Kosten für die Kassen und die Patienten enorm hoch. „Die Zusatzkosten dadurch liegen im vier- bis fünfstelligen Bereich. In vielen Fällen sind das jeweils mehr als 10.000 Euro zusätzlich“, sagte Schurer. Allerdings, und das wurde als ein Problem skizziert, tragen nicht die Kliniken diese Kosten, selbst wenn sie sie verursachen. Denn über die seit 2003 geltenden Fallpauschalen würden solche Zusatzkosten den Kliniken zufließen. Im Klartext: Mehr Komplikationen in der Klinik bedeuten für diese höhere Umsätze. Bereits heute erhielten die Krankenhäuser jährlich 56 Milliarden Euro für die Krankenpflege, so Robert Schurer.

Es geht ums Geld

Letzlich geht es bei Hygiene im Gesundheitswesen ums Geld: Sowohl in der Ärzteschaft, als auch beim medizinischen Pflegepersonal gibt es zu wenige Spezialisten. Da zuvor existierende Lehrstühle für Krankenhaushygiene eingespart worden seien, würden nun durch medizinische Fachgesellschaften Zusatzausbildungen angeboten, sagte Michael Just. Auch Joachim Lorenz gestand: „Die Stadt München hat eigene Hygieneärzte und eines der bestausgestatteten Gesundheitsämter. Aber auch wir müssen bei Neueinstellungen die Leute erst zur Schulung schicken.“ Lorenz begrüßte den aktuellen Entwurf von Gesundheitsminister Dr. Markus Söder. Aber: Es stünde zu befürchten, dass viele kleinere Gesundheitsämter nicht genügend ausgebildetes Personal hätten, um Hygiene-Vorschriften zu überwachen. Und da 95 Prozent aller bayerischen Gesundheitsämter Landesbehörden seien, wäre dann der Freistaat in der Pflicht, neues Personal einzustellen.
An Beispielen, wie Krankenhaus-Hygiene besser zu realisieren ist, scheint es nicht zu mangeln. Alle Experten verwiesen auf die skandinavischen Staaten sowie die Niederlande, die seit Jahren führend auf dem Gebiet seien.

Video 1: Wie krank macht das Krankenhaus?

Video 2: Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. habil. Heinz-Michael Just

Video 3: Interview mit Robert Schurer AOK Bayern

Video 4: Interview mit Joachim Lorenz Stadtrat LH München

Video 5: Interview mit Peter Friemelt GF Gesundheitsladen München

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