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29.07.2010, Thema des Tages:

Süddeutsche Zeitung – wohin geht die Reise?

Bericht von Thomas Kletschke

München (30. Juni 2010). Am gestrigen Donnerstagabend diskutierte das PresseClubforum die Neuordnung der Lokal- und Regionalberichterstattung der Süddeutschen Zeitung. Auf die Frage „Quo vadis, SZ?“ gab es einige Antworten sowie eine offene Frage. Unter den 50 Gästen der Diskussion im PresseClub am Marienplatz: Viele langjährige SZ-Leser. Und die waren zumeist wenig erbaut über den seit dem 14. Juni 2010 mehrfach angepassten Relaunch der für die SZ so wichtigen Bayern-Seiten und Lokalteile. Rede und Antwort zur „Fahrplanänderung“ stand ihnen unter anderem Wolfgang Krach, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung.

Mit Dr. Wolfgang Stöckel, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbands (BJV), und Professor Dr. Hans-Bernd Brosius, Kommunikationswissenschaftler an der LMU, waren zwei weitere Medien-Experten zu Gast. PresseClub-Vorstand Peter Schmalz moderierte die Diskussion auf dem Podium und mit den Gästen.

Ziel der Veränderung sei es gewesen, neben Münchner Nachrichten und Geschichten aus Bayern auch die angrenzende Landkreis-Berichterstattung auszubauen, sagte SZ-Mann Krach. Dazu habe man sogar durch interne Stellenumbesetzung die lokalen Redaktionen personell verstärkt. Man wolle der neuen Lebenswirklichkeit der Abonnenten gerecht werden. Immer mehr Menschen etwa wohnten außerhalb Münchens und würden in der Stadt arbeiten. Genauso gebe es in umgekehrter Richtung viele Pendler. Die alle wollten über politische Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus mit Informationen versorgt werden. Diese Neuordnung der Bayern- und Lokalteile betreffe rund 400.000 Leser, so Krach. Davon hätten sich etwa 2000 bis 3000 per Brief, Telefon oder E-Mail bei der Süddeutschen gemeldet und sich zumeist beschwert. Dies sei ein recht geringer Prozentsatz.

Gummibärchen statt Veranstaltungshinweisen

Von den Unzufriedenen meldete sich einer zu Wort, der sich gleich zwei Mal an die SZ gewandt hatte. Seine Kritik: Anfangs seien wesentlich weniger lokale Veranstaltungshinweise in die Lokalteile übernommen worden, etwa den Starnberger Teil. Stattdessen würden in den S-Bahnen mit Gummibärchen verteilt, um die neue Süddeutsche Zeitung zu bewerben. Das grüne Tütchen mit dem süßen Werbegeschenk hatte der Abonnent gleich mitgebracht. Wolfgang Krach bestätigte, dass man anfangs zu wenig Raum für Veranstaltungshinweise in den neuen Lokalteilen gelassen habe. Dies sei aber nun verbessert worden. Hier schien also der Dialog zwischen Blatt und Leserschaft funktioniert zu haben. Dass die Wünsche der Leserinnen und Leser ganz unterschiedlich sein können, zeigten weitere Äußerungen. Man Anwesender wünschte sich eben nicht die von der SZ-Chefredaktion favorisierte Berichterstattung über den eigenen Wohnort hinaus – zumindest wenn es um Service-Seiten ging. Eine Journalistin hatte zwei der neuen Teilausgaben daraufhin verglichen und war damit unglücklich.

Zu textlastig für junge Leser

Forscher Hans-Bernd Brosius, der an der Ludwig-Maximilians-Universität als Professor für empirische Kommunikationswissenschaft seit Jahren Medienforschung betreibt, beschrieb anfangs, dass jeder Relaunch „heftige Reaktionen“ seitens der Leser auslöse. Man müsse immer beachten, dass diejenigen, die das neue Blatt besser fänden, sich eben nicht meldeten. Was auch für ihn privat gelte – er begrüße die Neugestaltung. Und: „Relaunches sind unerlässlich für Printprodukte.“ In Seminaren zeige er dies den Studierenden an einem Beispiel. „Ich zeige dann eine beliebige Seite des Spiegel von 1960. Da gibt es kaum Absätze und Führung durch die Artikel. Diese Bleiwüsten würden heute auch intellektuell anspruchsvolle Menschen irritieren“, so Brosius. Gleichwohl: „Für jüngere Lesergruppen ist die neue SZ immer noch zu textlastig.“

Genau diesen Punkt diskutierten Podium und Gäste. Brosius verteilte Untersuchungen über die Leserschaft von Tageszeitungen. Ganz klar: Seit Jahren nehme die Zahl der jüngeren Leser ab. Anfangs sei dieser Rückgang linear gewesen; nun beschleunige sich die Tendenz. Besonders bei den 14- bis 19-Jährigen, den Digital Natives, würden Magazine, Zeitungen und TV-Programme äußerst selten genutzt. Dieser Kohorteneffekt setze sich in die Zukunft fort.

Mit welchen Inhalten könnte man gegensteuern? Wolfgang Stöckel vom BJV setzt auf Ausbau regionaler Berichterstattung. Zumindest müsse die Ausdünnung der Redaktionen, die verschiedene Blätter in den letzten Jahren gestartet hätten, rückgängig gemacht werden. Für das Lokale gelte schließlich: „Da kommen Google und Co nicht so schnell hin. Hier kann man mit eigenen Leuten seine Leser besser informieren.“ Bei der neuen SZ sah Stöckel eine langsam abnehmende Textlänge. „Die neuen Lokalteile haben einen größeren Durchschuss. Dieser größere Zeilenabstand führt zu weniger Text, weniger Themen und weniger Mitarbeitern“, so der Verbandschef. Dem widersprach Wolfgang Krach. Man habe keine Redakteursstellen eingespart. Und setze verstärkt auf längere Lesestücke. Diese würden im Lokalen durch Meldungen und kürzere Artikel ergänzt. „Früher gab es im Lokalen fast keine Stücke über 80 Zeilen. Das ist nun besser möglich“, sagte Krach.

Fährt der Digital Native mit in die Zukunft?

Einig war sich das Podium, dass die Süddeutsche einen besonderen Spagat zu bewältigen habe: Einerseits erreicht das Blatt 170.000 Leser außerhalb Bayerns, die es als überregional wichtiges medium wahrnehmen. Auf der anderen Seite würden die vielen Münchner und bayerischen Leser auch lokale und regionale Infos erwarten. Eine gewisse Ratlosigkeit war erkennbar, als es um den weiteren Weg der SZ und anderer Blätter ging. Während BJV-Mann Stöckel im Regionalen einen Schwerpunkt für neue digitale Verbreitungswege sah, orientierte sich der Rest des Podiums mehr auf die Stärkung der nationalen und internationalen Themen, die von eigenen Autoren recherchiert, Mehrwert bieten würden. Ob das auch der Leser von morgen so möchte? Der heute 14-Jährige, der Facebook nutzende und zugleich Youtube-Videos schauende, twitternde und chattende Digital Native? Das konnte und wollte keiner der Anwesenden mit Sicherheit beantworten. Die heutigen Leser der SZ jedenfalls sehen anders aus. „Der Durchschnittsleser der Süddeutschen Zeitung ist 47 jahre alt. Auf Süddeutsche.de erreichen wir einen anderen Leser. Er ist 37 Jahre alt“, sagte Wolfgang Krach. Derzeit arbeite die SZ an einer Ausgabe fürs neue iPad und verstärke die Bemühungen bei den Apps fürs iPhone, so Krach weiter. Die nächste mediale Fahrplananpassung kommt also schon bald. Und: Es wird nicht die letzte sein.

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