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17.08.2010, Thema des Tages:

200 Jahre Wiesn – Volksfest zwischen Tradition und Kommerz

Von Thomas Kletschke

Gut 70 Zuhörer kamen am 17. August in den PresseClub, um die Podiumsdiskussion über die Jubiläums-Wiesn zu verfolgen – und eigene kritische Fragen zu stellen. Und auch Moderator Ruthart Tresselt hakte nach. Adressaten für Probleme und Fragen rund ums Oktoberfest waren Dr. Gabriele Weishäupl, Direktorin des Tourismusamts der Stadt München, Toni Roiderer, Sprecher der Wiesn-Wirte und Arno Makowsky, Chefredakteur der Münchner Abendzeitung (AZ).

Der Chef des Münchner Boulevardblatts musste auch die Titel-Story vom gleichen Tag verteidigen. Die AZ hatte unter der Headline „Autor schürt Angst vor Wiesn-Terror“ aufgemacht. In der Titelstory ging es um den jetzt erscheinenden Thriller von Christoph Scholder, in dem russisch-afghanische Terroristen 70.000 Geiseln nehmen und mit einem Giftgasanschlag drohen. „Warum hat die AZ mit dieser Geschichte auf Seite 1 denn aufgemacht?“, wollte ein Zuhörer von AZ-Chef Makowsky wissen. „Wir berichten über alle gesellschaftlichen wichtigen Sachen. Und das ist ein Thema über das man vier Wochen vor der Wiesn reden kann“, so Makowsky. Damit spielte er auf die spätestens seit dem vorigen Jahr virulente Angst vor islamistischen Terroranschlägen an. Zudem jährt sich in diesem Jahr der Anschlag auf das Oktoberfest von 1980, bei dem 13 Menschen getötet und über 200 verletzt worden waren. Deshalb habe man das Erscheinen des Thrillers thematisiert. „Es ist halt nicht alles super“, bekräftigte Arno Makowsky im Hinblick auf den Roman. Die AZ wolle den Leuten den Spaß nicht nehmen, aber kritisch bleiben.

„Vorglühen“ durch Jugendliche und Sicherheit

Sicherheit war eins der Schlagworte, das auf dem Podium diskutiert wurde, und zu dem es Wortmeldungen aus dem Publikum gab. Auf Nachfrage erklärte Gabriele Weishäupl, dass in diesem Jahr die Sicherheitsbestimmungen die bislang striktesten seien: „Der Sicherheitsring um das Gelände ist 6 Kilometer breit.“ Damit gebe es eine 80 Hektar große kontrollierte Fläche. „So einen Sicherheitsstandard hatten wir noch nie, da haben sich die Sicherheitsprofis ausgelebt“, sagte Weishäupl. Damit bezog sie sich auch auf das Risiko einer möglichen Überfüllung des Festgeländes. Nach der Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg habe man das eigene Konzept abermals akribisch überprüft.

Der Diskussions-Klassiker „Bierpreiserhöhung“ wurde ebenfalls kurz gestreift. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hätten Magistrat beziehungsweise Rat der Stadt die Preiserhöhungen nie rückgängig machen können, so Weishäupl. Aktuell habe die Stadt München untersucht, dass die Hotels zur Wiesnzeit Aufschläge von bis zu 300 Prozent verlangten.

Sorge machte allen Podiumsbeteiligten der in den letzten Jahren zunehmende starke Alkoholkonsum vor allem bei Jugendlichen. Das machte auch Wiesnwirt Toni Roiderer klar, der ansonsten natürlich gerne Gäste hat, die „drei, vier oder auch fünf, sechs Maß Bier“ trinken. Ein interessanter Vorschlag zur Bekämpfung des Alkoholproblems kam von einem Zuhörer. „Statt Bier mit 6 und mehr Prozent Alkohol könnten die Brauereien doch welches mit 4,5 Prozent anbieten.“ Damit bliebe dann allerdings noch das Problem des „Vorglühens“ durch jugendliche Besucher des Oktoberfests, für das das Podium aber auch kein Patentrezept hatte.

Böse Agenturen?

Großes Thema war die seit Jahren zunehmende Schwierigkeit, an Reservierungen zu kommen. „Seit dem 24. April kann man keine Plätze am Abend mehr reservieren“, so AZ-Mann Makowsky. „Ich habe heute mal im Internet nachgeschaut. Acht Plätze werden für 1600 oder 1700 Euro angeboten. Das ist ein Wildwuchs; das ist schon brutal“, sagte er.

Genau dazu meldete sich die Mitarbeiterin einer Münchner Agentur, die seit 1956 für Touristen Buchungen in München anbiete. Bei den Buchungen durch Agenturen bei den Festwirten gebe es „in diesem Jahr massive Probleme“. Ihre und auch andere Agenturen hätten bei den Wirten früher damit rechnen können, ungefähr die gleiche Zahl an Sitzplätzen reservieren zu können, wie im Vorjahr. „Jetzt sind aber die Agenturen die Bösen“, spielte sie auf den häufig kolportierten Vorwurf an, die Dienstleister würden die begehrten Sitzplätze vorab in Massen belegen, während fürs „normale“ Publikum nichts mehr übrig bliebe. Stattdessen gebe es Kunden, die zunächst über die Agentur buchten, dann aber noch andere Karten aus dem Hut zauberten. „Ich frage mich, wo kommen diese Karten her?“

„Das ist wirklich ein Problem“, gestand Toni Roiderer ein. Im letzten Jahr etwa habe er für eine Münchner Kaufmannsfamilie, die über Jahre hinweg stets zwei Tische gebucht hatte, einen dritten reserviert. „Und ein paar Tage später verkaufen die diese Plätze am zusätzlichen Tisch im Internet für 1000 Euro. Solche Leute erschwindeln sich dann einen Platz“, sagte Roiderer. Nur beim Kauf über Wirte oder Agenturen seien die Plätze aber sicher, so der Wirt. „Wir wollen einen korrekten Geschäftsablauf und saubere Partner.“

Maulkorb und Reingewinn

Ein schwelender Konflikt zwischen Medien und Veranstaltern wurde mehrfach erwähnt. Eine anwesende TV-Journalistin sprach Wiesnwirte-Sprecher Roiderer auf Verpflichtungserklärungen an, die Kameraleute und Fotografen im letzten Jahr bei zumindest einem Wirt hätten unterschreiben müssen. „Da sollte man sich verpflichten, nicht die sprichwörtliche barbusige Australiern zu filmen oder zu fotografieren.“ Ihr öffentlich-rechtliches Team mache keine grenzwertigen Boulevardformate, aber durch solche Vorab-Verpflichtungen sehe sie die Pressefreiheit schon beschnitten. Toni Roiderer erklärte, er wisse nichts von solchen Verträgen durch einzelne Wirte, werde aber gerne nachforschen. Auch AZ-Mann Makowsky konnte zumindest für die Bildberichterstatter seines Blatts von keinen Maulkorb-Verträgen berichten.

Nach 90 Minuten Diskussion blieb eigentlich nur eine klassische Frage unbeantwortet. Zu DM-Zeiten hätte der nach Abzug aller Kosten verbleibende Reingewinn eines Wiesnwirts gut 250.000 Mark betragen, so ein Journalist. Wie viel verbliebe den Festzelt-Wirten denn heute? Roiderer sagte schmunzelnd, er habe sich noch nie Gedanken gemacht, wie viel er verdiene.

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