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11.01.2010, Thema des Tages:

Das Buch – Ware oder Kulturgut? Zum Paradigmenwechsel in der Medienbranche.

Bericht von Florian Christner

Was ist ein Buch? Um dieser reichlich philosophischen Frage auf den Grund zu gehen, hatten sich im Forum des Münchner PresseClubs der Verleger und Autor Michael Krüger (Hanser-Verlag), der Schriftsteller Joseph von Westphalen sowie der Geschäftsführer der Random House Verlagsgruppe, Klaus Eck, zusammengefunden. Moderiert wurde die Runde von Dr. Alexander Kissler (Süddeutsche Zeitung).

Ganz so philosophisch ging es dann aber doch nicht zu im PresseClub. Vielmehr diskutierte die illustre Runde ganz bodenständig die Zukunft des Buches, dessen Untergang so mancher Kritiker schon kommen sieht. "Das nachhaltigste Kulturgut aller Zeiten ist und bleibt das Buch", zitierte Moderator Alexander Kissler die Figur Zacharias Werner aus dem Theaterstück "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia" von Botho Strauß. "Das ist eine Selbstverständlichkeit, die zu hinterfragen ist", meinte Kissler.

Denn elektronische Bücher, sogenannte E-Books, machen dem Klassiker aus Papier inzwischen mächtig Konkurrenz. Wenn Literatur sowohl auf Papier gedruckt als auch als E-Book angeboten wird, entscheiden sich inzwischen 35 Prozent der Leser für die digitale Variante, referierte Kissler. Der Internet-Buchhändler Amazon will mit seinem eigenen digitalen Lesegerät namens Kindle den Markt der elektronischen Bücher aufrollen. Andere Elektronikkonzerne wollen auch etwas vom Kuchen abhaben und bieten ebenfalls digitale Lesegeräte an, etwa Sony. Apple will in Kürze sein i-Tablet auf den Markt bringen, das wie ein überdimensioniertes i-Phone aussieht.

Auch wenn elektronische Bücher heute noch einen verschwindend kleinen Anteil am Buchmarkt haben, stellte im PresseClubforum niemand in Zweifel: Der Buchmarkt steht angesichts von Kindle & Co. vor enormen Veränderungen, dazu kommt die Konzentration der Verlagslandschaft auf wenige Verlagsgruppen wie etwa Random House. "Wir befinden uns inmitten einer tiefgreifenden Revolution, die in Deutschland später zur Kenntnis genommen wird als in anderen Ländern", meinte Verleger Michael Krüger. Wissenschaftsverlage seien seit einigen Jahren bereits dazu übergegangen, wissenschaftliche Publikationen aus Kostengründen nur noch im Internet zu veröffentlichen. Dennoch halte sich der Buchhandel, wenngleich er sich auf weniger Titel konzentriere.

Random-House-Geschäftsführer Klaus Eck sieht der Zukunft gelassen entgegen. "Das elektronische Buch ist nichts anderes als ein neuer Vertriebsweg", verkündete er, um sich sogleich selbst zu korrigieren: "Natürlich ist dem nicht so." Die Zeiten seien für Verlage so aufregend wie noch nie. "Es gibt lauter Fragen, aber keine konkreten Antworten." Dennoch ist Eck überzeugt, dass es auch in 50 Jahren noch bedrucktes Papier geben wird. "Das Buch hat eine eigene Haptik, die fest mit Papier verbunden ist. Es wird bleiben."

Davon geht auch Autor Joseph von Westphalen aus. Wenn ein Buch nur in elektronischer Form erscheinen würde, "da würde ich leiden", verkündete er. Dennoch legte er eine pragmatische Haltung an den Tag. "Mir ist es wichtiger, gelesen zu werden und Rückmeldung zu bekommen, als dass ein Sammler meine Bücher ungelesen in den Schrank stellt." Er lese sehr viel auf dem Computer und nutze ausgiebig die Recherchemöglichkeiten im Internet, doch sei für ihn klar: "Wenn ich auf der Wiese liege, lese ich ein richtiges Buch." Zudem sei es eine unangenehme Erfahrung für einen Autor, wenn eines seiner Bücher vergriffen sei. "Dann ist es mir lieber, das Buch ist im Netz verfügbar", sagte Westphalen.

Damit riss er ein weiteres Thema an, das die Branche seit einigen Jahren umtreibt: Die Digitalisierung von Büchern, wie sie etwa der Internet-Gigant Google mit seinem Projekt "Book Search" vorantreibt. "Wer kontrolliert in Zukunft die Inhalte?", fragte Krüger. Er sieht die Gefahr, dass deutsche Verlage Anhängsel amerikanischer Superkonzerne werden. Andersherum sei das Internet eine neue Chance für Lyrik, die es früher nicht so ohne Weiteres an die Öffentlichkeit geschafft hätte. "Wir Verleger waren das Nadelöhr, durch das ein Autor musste, um veröffentlicht zu werden", sagte Krüger. Heute sei das nicht mehr so. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es einen qualitativen Sprung gibt wie zur Zeit der Erfindung des Buchdrucks. Wir haben alle Bücher gelesen. Aber es gibt inzwischen Schulen ganz ohne Bücher."

Wie genau der qualitative Sprung aussehen wird und ob tatsächlich in 50 Jahren alle nur noch E-Books lesen, darauf wollte sich freilich niemand festlegen. "Ist das Buch nun ein Auslaufmodell?", wollte ein Gast wissen. "Reden wir in zehn Jahren darüber", antwortete Krüger. Joseph von Westphalen schlug versöhnliche Töne an. Wenn es weniger gedruckte Bücher gebe, würden diese für den Besitzer wertvoller. "Das Gute, das Kluge und das Schöne wird im Buch stehen, der Rest wird im Kindle gelesen", meinte er. Moderator Alexander Kissler schließlich schlug den Bogen zurück zum Anfang. "Man muss in Zukunft noch früher auf alles gefasst sein", zitierte er aus Strauß' Pancomedia. Und was nun tatsächlich ein Buch ist, darüber sollen sich spätere Generationen Gedanken machen. Sie werden vielleicht eine Lösung finden für diese Frage, die so vor 20 Jahren noch niemand gestellt hätte.

Video 1: Das Buch – Ware oder Kulturgut?

Video 2: Statement von Klaus Eck, Random House, Verleger & Geschäftsführer, Publisher & Präsident

Video 3: Statement von Dr. phil. Alexander Kissler, Moderator, Kulturjournalist Süddeutsche Zeitung

Video 4: Statement von Michael Krüger, Verleger Hanser-Verlag und Autor

Video 5: Statement von Joseph von Westphalen, Schriftsteller

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